DR. FAIR FASHION ULI RIEGEL IM INTERVIEW

ULI, FÜR DEINEN LADEN „DR. SKATE“ BIST DU SEIT VIELEN JAHREN BEKANNT. JETZT HAST DU AUSSERDEM „DR. FAIR FASHION“ AM MARKTPLATZ ERÖFFNET. WARUM?

Dafür gibt es nicht den einen Grund, sondern ganz viele! Zum einen beschä­ftige ich mich seit Jahren mit dem Thema, gerade wenn es um Mode geht. Zum anderen ist das Bedürfnis nach fairer Mode in Aalen groß und in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Wir haben unter anderem zwei faire Schulen, eine entsprechende Hochschulinitiative und Aalen selbst ist als „faire Stadt“ zertifiziert. Das hat einen großen Einfluss auf das Bewusstsein der Menschen hier: Viele bringen zum Beispiel ihre eigenen Taschen um Einkaufen mit und unterstützen bewusst den stationären Handel. Die Konsequenz aus all dem war ein durch und durch fairer Laden für Aalen.

DIESER NEUE LADEN SOLL JA AUCH VIEL MEHR ALS EIN MODEGESCHÄFT SEIN, RICHTIG?

Genau! Denn neben Kleidung an sich wollen wir auch unser bisher bekanntes Sortiment ausbauen. Also nachhaltigen Schmuck, Accessoires, Wasser Taschen, Handtaschen… eigentlich alles, was das Herz begehrt. Zusätzlich werden in Kürze stylische Rucksäcke kommen. Die kann man nicht nur auf dem Rücken tragen, sondern auch an einen Trolley hängen und dann so einkaufen gehen. Das ist praktisch und liegt gleichzeitig voll im Trend! Im Laden gibt es außerdem einen Infopoint zu Nachhaltigkeit und fairen Produkten – quasi als Treffpunkt für alle Interessierte. Dort wollen wir ganzheitlich und für alle Lebensbereiche über diese Themen informieren. Kooperationen sind auch schon geplant und Schulklassen oder andere Gruppen sind jederzeit herzlich willkommen.

 

WOHER NIMMST DU DEINE GROSSE BEGEISTERUNG FÜR DAS THEMA NACHHALTIGKEIT?

Im Grunde genommen ist das keine Begeisterung, sondern die akute Unzufriedenheit mit der Situation. Seit Jahren und Jahrzehnten haben sich die Produktionsbedingungen immer weiter verschlechtert. Die Kleidung musste immer schneller und billiger produziert werden, die Halbwertszeit der Mode hat sich immer weiter verkürzt. Darunter leiden vor allem die Arbeiter in den Produktionsstätten vor Ort und unsere Umwelt. Wenn man dann, so wie ich, seit längerer Zeit Teil dieser Branche ist, dann muss man sich einfach fragen, ob das nicht auch anders gehen kann.

WIE SEHEN DIE PRODUKTIONSBEDINGUNGEN AKTUELL AUS?

Selbstverständlich darf man nicht alle Produktionsstätten und Hersteller über einen Kamm scheren. Aber ein Großteil der Mode wird unter verheerendsten Bedingungen in Südostasien hergestellt. Die Arbeiter sind o_ weit weg von zu Hause, schlafen teilweise unter ihrer Nähmaschine und leiden unter unfairen Arbeitsbedingungen. Das grenzt fast an Sklaverei. Dazu kommt die gesundheitsgefährdende Atmosphäre: viele Materialien und Farben enthalten Chemikalien, die schwerwiegende Folgen für die Arbeiter haben und irreparable Schäden an der Umwelt verursachen. Das ist das zweite Problem: Eine anständige Müllentsorgung ist einfach deutlich teurer als die Entsorgung im nahegelegenen See, Fluss oder Meer…

…UND DAS BETRIFFT LETZTLICH AUCH JEDEN VON UNS?

Richtig! Denn allein die Herstellung unserer Kleidung trägt massiv zur Umweltverschmutzung bei und verbraucht viele Ressourcen. Für eine einzige Jeans werden zum Beispiel etwa 8000 Liter Wasser benötigt. Und gerade Wasser – vor allem sauberes – ist in vielen Teilen der Welt ein kostbares und knappes Gut! Außerdem trägt unser gesteigerter Konsum zu immer grotesker werdenden Situationen bei. Nicht nur die Herstellung ist aus sozialer und ökologischer Sicht problematisch, sondern auch die Entsorgung. Aktuell wird so viel produziert, wie nur möglich. Die Kleidung wird dann verpackt – in Plastiktüten – und einmal um die Welt verschifft. Werden die Teile dann zum Beispiel bei uns in Europa nicht verkauft, treten sie wieder die Heimreise an, um dort einfach verbrannt zu werden. Dieses ganze hin und her und die Vernichtung am Ende ist wirklich nicht mehr länger hinnehmbar!

WAS KANN GETAN WERDEN, UM DIESEN IRRSINNIGEN KREISLAUF ZU DURCHBRECHEN?

Tatsächlich kann jeder mit seinen Entscheidungen dazu beitragen, die Situation zu verbessern. Wer „Fast Fashion“ konsumiert – also heute ein billiges Teil kauft und morgen wieder wegwirft – trägt massiv zu dieser Entwicklung bei. Und mal ehrlich: Welcher Lohn für die Arbeiter soll denn bei einem T-Shirt-Preis von 3,99 Euro noch drin sein? Wenn sich weniger Menschen zu unüberlegten Käufen hinreißen lassen, ihre Kleidung höherwertig einkaufen und dann auch länger tragen, können wir alle gemeinsam etwas erreichen.

DU ALS VERKÄUFER BIST DIR DEINER VERANTWORTUNG DA BEWUSST…

…ja, auf jeden Fall! Wir sind nicht nur modische Berater beim Kauf, sondern tre en in erster Linie die Vorauswahl für unsere Kunden. Denn gekau­ft werden kann ja nur, was es auch in den Laden schafft . Deshalb informieren wir uns immer über die neuesten Trends und Möglichkeiten – und das betrifft nicht nur die Schnitte und Farben! Wir möchten wissen, woher unsere Ware kommt, damit wir unseren Kunden auch Rede und Antwort stehen können. Das tun wir übrigens bereits seit Jahren: Wir waren damals einer der ersten Läden, die die Marke „armedangels“ mit fair produzierter Mode in ihr Sortiment aufgenommen haben. Das ist schon über zehn Jahre her! Zu dieser Zeit war auch das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Bevölkerung noch anders.

INWIEFERN?

Die Jeanshosen, die wir im Laden verkauft­ haben, waren teilweise schon aus Bio-Baumwolle. Unsere männlichen Kunden haben positiv darauf reagiert. Wahrscheinlich aus pragmatischen Gründen: Sitzt und passt, dann sind Bio-Baumwolle und FairTrade ein Mehrwert. Die Frauen waren eher skeptisch. Bio bei Kleidung wurde eher mit „öko“ und „Hippie“ verknüp­ft und war damit sogar eher negativ. Teilweise haben wir unseren Kundinnen erst an der Kasse und nach der Kaufentscheidung gesagt, aus welchen Stoff en die Kleidung eigentlich ist.

HAT SICH SEITHER WAS VERÄNDERT?

Sehr viel sogar! Einerseits ist eine nachhaltige Herkunft der Mode heute ein echtes Kaukriterium. Die Unfälle und Brände mit vielen Toten in den Produktionsstätten in Bangladesch zum Beispiel haben den Fokus unserer Gesellschaft auf diese prekären Zustände gelenkt und erste wichtige Veränderungen im Bewusstsein ausgelöst. Andererseits gibt es keine Unterschiede in Optik, Preis oder Qualität zu herkömmlicher Kleidung mehr, denn auch die Materialien und Produktionsmöglichkeiten von „Fair Fashion“ haben sich weiterentwickelt.

ERZÄHL MAL!

Fast schon klassisch ist natürlich Bio-Baumwolle. Technische Entwicklungen und Forschungen haben aber noch viel spannendere Materialien nutzbar gemacht. Mittlerweile kann man fast alles recyceln oder umweltschonend produzieren. Da gibt es zum Beispiel „Lederschuhe“ aus Apfeltrester oder Lycocell, also Naturfasern aus Zellulose. Das fühlt sich fast an wie Seide, hat also einen tollen Tragekomfort. Auch in der Gerbung von Leder gibt es tolle Weiterentwicklungen: Während man jahrelang giftige Chemie dafür verwendet und Tiere extra für ihre Haut geschlachtet hat, geht der Trend jetzt zum Glück in eine andere Richtung. Leder wird als Abfallprodukt von den Schlachtereien verwendet und mit so genannter „Veggie-Gerbung“ weiterverarbeitet. Da wird zum Beispiel Rinde eingesetzt. Das schont unsere Umwelt und ist deutlich gesünder für die Arbeiter

WAS MACHT NACHHALTIGE, FAIRE KLEIDUNG AUSSERDEM AUS?

Nachhaltigkeit hat unglaublich viele Facetten. Da spielen die Arbeitsbedingungen der Arbeiter genau so mit rein wie die Produktionsbedingungen und eine umweltschonende Herstellung. Die nachhaltigste Kleidung ist und bleibt Second Hand: Je länger man die sowieso schon produzierte Mode trägt, desto besser ist es für Mensch und Umwelt. Das ist aber natürlich nicht jedermanns Sache. Deshalb gibt es heute tolle Möglichkeiten, sich selbst mit einem neuen Kleidungsstück eine Freude zu machen und gleichzeitig die Lebensgrundlage von Menschen zu sichern. Die Produktion von Mode in südostasiatischen Ländern wie Bangladesch sollten wir nämlich auch nicht per se verteufeln!

WÄRE DIE HERSTELLUNG ZUM BEISPIEL IN EUROPA NICHT VIEL BESSER?

Nicht uneingeschränkt. Klar, die Transportwege sind deutlich kürzer. Das schont das Klima. Andererseits haben sich die Menschen in Südostasien über Jahrzehnte auf die Textilindustrie ausgerichtet – damit können sie ihren Lebensunterhalt bestreiten. Wir sollten sie also darin unterstützen, die vorhandene Produktion sozialer und umweltschonender umzubauen. Gleichzeitig gibt es natürlich auch nachhaltige Beispiele ganz bei uns in der Nähe. „LOVJOI“ ist eine noch recht junge Marke, die wir unterstützen. Die Eco-Fashion wird in Dürmentingen bei Biberach unter anderem von syrischen Flüchtlingen in hoher Qualität und aus nachhaltig zertifizierten Materialien bedarfsgerecht hergestellt: Die Produktion startet also erst, wenn der Auftrag eingegangen ist. Das senkt die Lagerkosten und vermeidet unnötigen Müll. Das ist gelebte Nachhaltigkeit: ökologisch und sozial!

GLAUBST DU, DASS SICH NACHHALTIGE UND FAIRE MODE AUF DAUER DURCHSETZT?

Ich hoffe es zumindest! Wir tragen alle tägliche Kleidung, jeder Einkauf ist eine Entscheidung. Letztlich führt kein Weg daran vorbei, sich mit dem ‑ Thema zu beschä­ftigen. Langfristig betrachtet müssen wir wirklich etwas tun, damit die Herstellung von Mode sozialer und umweltverträglicher wird. Und das tut uns alle nicht weh: Der Preis ist mittlerweile der gleiche wie für herkömmliche Kleidung, die Qualität ist sogar höher und das Tragegefühl von „Fair Fashion“ ist toll – schon allein wegen dem guten Gewissen.